Ohrenkerzen

Von Ohrenkerzen wird also insgesamt aus medizinischer Sicht abgeraten. Neben der ausbleibenden Wirkung ist das Verletzungsrisiko am Ohr schlichtweg zu hoch. Aus medizinischer Sicht sollte die Reinigung des Gehörganges ohnehin niemals auf eigene Faust erfolgen. Fällt die persönliche Entscheidung dennoch unbedingt auf eine Behandlung mit Ohrenkerzen, wird dringend dazu angeraten, sich umfassend beraten und über mögliche Risiken und Nebenwirkungen aufklären zu lassen.

Schon seit Kindertagen heisst es so schön: "Die Ohren müssen immer ordentlich sauber sein!". Diese Ansichtsweise hat bei den meisten Menschen noch nach wie vor höchste Prioriät. Diese Meinung ist nicht unbedingt falsch: Ein sauberer Gehörgang unterstützt die individuelle Hörleistung und trägt zur Verbesserung der Lebensqualität bei. Was jedoch nicht zu vergessen ist, ist, dass das gesunde Ohr ohnehin über einen genialen Selbstreinigungsmechanismus verfügt, um den Gehörgang sauber zu halten. Dennoch kann es passieren, dass eben ein unsauberer und verstopfter Gehörgang zu Hörbeeinträchtigungen und sogar Schmerzen führen kann. Um dem vorzubeugen, gibt es neben der medizinischen Bahendlung beim HNO-Arzt auch weitere Behandlungsmassnahmen, wie die berühmt-berüchtigte Anwendung von Ohrenkerzen. Halten diese auch wirklich, was von ihnen ausserhalb medizinisches Terrains versprochen wird? Und wird ihnen die Propaganda über ihre positiven Wirkungen gerecht? Oder kann die Behandlung sogar nachweislich gefährliche Folgen haben?

 

Fördern Ohrenkerzen die Ohrgesundheit?

Cerumen, auch allgemein bekannt als „Ohrenschmalz“, ist für die Befeuchtung des Gehörgangs zuständig und schützt das Ohr vor Infektionen. Es ist wichtiger Bestandteil des Ohres und verantwortlich für den natürlichen Selbstreinigungsmechanismus. Mit dem Cerumen werden Schmutz- und Staubpartikel sowie abgestorbene Hautzellen auf natürlichem Wege aus dem Gehörgang befördert. So wird für eine gesund Balance und optimale Ohrgesundheit gesorgt. Kommt es allerdings aufgrund unterschiedlicher Ursachen zu einer Überproduktion oder zu einer Verhärtung des Ohrenschmalzes, wird es schnell sehr unangenehm. Verhärtetes Cerumen kann zu einer Beeinträchtigung der Hörqualität oder sogar zu Schmerzen führen, was im Alltag Probleme macht und die Lebensqualität entschieden herabsetzt. Auch für Hörgeräte kann eine erhöhte Produktion von Ohrenschmalz eine Herausforderung darstellen. Ohrenschmalz ist Ursache für die Mehrzahl aller Reparaturen von Hörgeräten und kann somit auch richtig teuer werden. Daher ist es naheliegend, dass eine medizinische Behandlung für die Entfernung von überproduziertem oder verhärtetem Ohrschmalz vielerlei Sinn macht. Vermehrt werden solche Behandlungen auch als gesundheitsvorsorgende Massnahme getroffen. Eine umstrittene, nicht-medizinische Behandlungsform stellt dabei die Anwendung von Ohrenkerzen dar. Sie werden im Gesundheits- und Wellnessbereich vielfach angepriesen und (meist von unseriösen Anbietern) als einfache und günstige Methode angeboten, um den Gehörgang zu reinigen. Ihnen wird zudem eine entschlackende Wirkung nachgesagt. Seit 1990 sind die Hohlkerzen als entspannende Beautybehandlung oder sogar therapeutisches Verfahren für bessere Hörqualität in Verwendung. Mit der zunehmenden Beliebtheit und dem Anstieg an Angeboten für diese Behandlung werden Risiken und die fragliche Wirkweise meist nicht angesprochen. Dies kann wiederum die Gesundheit einschlägig gefährden - denn Ohrenkerzen sind auf jeden Fall nicht unbedenklich.

 

Ohrenkerzen

Material und Anwendung von Ohrenkerzen

Ohrenkerzen sind angefertigte Hohlkerzen, die in ihrer Trichterform nach unten immer schmäler werden. Sie sind durchschnittlich 25 Zentimeter lang und bestehen aus Bienenwachs. Zudem beinhalten sie ätherische Öle, pulverisierte Pflanzenanteile, Baumwolle und Gaze. Um das untere Ende der Hohlkerzen ist meist eine Folie aus Aluminium angebracht, welche die Anwendung zur Reinigung des Gehörganges erleichtern soll. Während der Anwendung liegt die zu behandelnde Person waagrecht auf einer Liege. Die Hohlkerze wird vorsichtig senkrecht mittels Drehbewegung in das entsprechende Ohr und dessen Gehörgang eingeführt. Dadurch sollte der Gehörgang luftdicht verschlossen werden. Im Anschluss daran wird das obere Ende der Kerze angezündet. Die Flamme der Kerze brennt mit verstreichender Zeit immer weiter herunter. Nach der Behandlung wird die Ohrenkerze vorsichtig entfernt. Ohrenkerzen sind fälschlicherweise auch unter dem Namen "Hopi-Kerzen" bekannt. Der Name wird auf den Hopi-Stamm, eine indigene Bevölkerungsgruppe, zurückgeführt. Der Hopi-Stamm verneint jedoch, das Verfahren angewendet zu haben und distanziert sich davon ausdrücklich.

 

Umstrittene Wirkung von Ohrenkerzen

Mit der offenen Flamme am oberen Ende der Hohlkerze soll ein Unterdruck entstehen, welcher die Verschmutzungen im Gehörgang herausziehen und intensiv reinigen soll. Dieser Effekt wird auch als Kamineffekt bezeichnet. Weiters soll dazu eine Druckregulation in den Nebenhöhlen und im Mittelohr sowie eine verbesserte Durchblutung im Ohr stattfinden. Da dem Wachs auch ätherische Öle hinzugefügt sind, werden deren Duftstoffe knisternd freigesetzt, was zusätzlich von manchen Personen als entspannend beschrieben wird. Grundsätzlich werden Ohrenkerzenbehandlungen vielerorts als Dienstleistung angeboten. Insbesondere in Gesundheitspraxen oder im Wellnessbereichen gibt es eine Vielzahl an Anwendungsangeboten, die Ohrenkerzen beinhalten. Ohrenkerzen sind auch in Drogerien oder Apotheken als einzelnes Produkt zu erwerben, wobei aber meist von einer selbstständigen Durchführung und der damit einhergehenden Handhabung mit offenem Feuer abgeraten wird. Doch wie sieht es mit der tatsächlichen Wirkung aus? Die therapeutische Wirkung ist nicht bewiesen. Generell wird hier von einem „pseudomedizinischen“ Produkt gesprochen, dessen Wirkungen nicht medizinisch belegt sind. Belege für den Kamineffekt (also der Effekt, der aufgrund des Unterdrucks stattfinden und Verschmutzungen aus dem Ohr herausziehen soll) sind sehr schwammig, auch die gesundheitsfördernde Wirkung durch den Wärmeeffekt oder die Anregung der Durchblutung, die zu einem besseren Hörempfinden beitragen soll, sind nicht bewiesen. Zwar wird die Behandlung von vielen als entspannend und als Wellnessbehandlung angesehen, dafür bringen Ohrenkerzen aber ein unnötig hohes und im Vorfeld vermeidbares Verletzungsrisiko mit sich.

 

Gefahren und Risiken von Ohrenkerzen

Die höchsten Gefahren bringen bei der Anwendung Verbrennungsunfälle und Verletzungen vom Trommelfell mit sich. Die grosse Gefahr bei der Anwendung von Ohrenkerzen besteht nämlich darin, wenn flüssiges Wachs in den Gehörgang gerät und in weiterer Folge an dieser sensiblen Stelle schmerzende Verbrennungen verursacht. Auch das Trommelfell kann dabei perforiert werden. Besonders von einer Behandlung bei Kindern wird daher dringend abgeraten. Plötzliche, unbedachte Bewegungen können den Behandlungsvorgang erschweren und die Risikorate für Verletzungen erhöhen. Ohrenkerzen dürfen zudem auf keinen Fall bei eitrigen Entzündungen oder Pilzinfektionen im Ohr, Trommelfellverletzungen oder akuten Ohrenschmerzen angewendet werden, da sie schmerzende und unangenehme Symptome noch verschlimmern können.

 

Unser Fazit zu Ohrenkerzen

Von Ohrenkerzen wird also insgesamt aus medizinischer Sicht abgeraten. Neben der ausbleibenden Wirkung ist das Verletzungsrisiko am Ohr schlichtweg zu hoch. Aus medizinischer Sicht sollte die Reinigung des Gehörganges ohnehin niemals auf eigene Faust erfolgen. Generell rät die Expertenmeinung dringend davon ab, selbst Gegenstände in oder um das Ohr anzuwenden. So sind Wattestäbchen ebenso mit einem hohen Verletzungsrisiko verbunden und haben im Badezimmerschrank für die Ohrenreinigung grundsätzlich ohnehin nichts zu suchen. Doch was ist zu tun, wenn die Hörleistung subjektiv empfunden nachlässt? In erster Linie empfiehlt sich ein Hörtest beim Spezialisten. Mit dem Hörtest kann abgeklärt werden, wie sehr die Hörleistung eingeschränkt ist. Anschliessend wird ein Besuch beim HNO-Arzt angeraten, der im Falle eines blockierten Gehörganges sichere und effiziente Abhilfe schaffen kann.

Hinweis
Egal, ob es sich um leichte Beschwerden, Unwohlsein oder verminderte Hörleistung handelt: bevor man sich für eine alternative Behandlungsmethode entscheidet, sollte der Weg zum Arzt beschritten werden. Die Ursachen für Beschwerden können unterschiedlich sein - eine saloppe Behandlung mittels Ohrenkerzen ist somit ohne vorhergehende ärztliche Anamnese einfach zu risiskobehaftet und schlichtweg verantwortungslos. Kann eine Reinigung des Gehörganges den Beschwerden Abhilfe schaffen, empfiehlt sich für die Reinigung des Gehörganges empfiehlt sich ebenfalls eine professionelle medizinische Behandlung beim HNO-Arzt. So kann Ohrenschmalz nicht nur effektiver, sondern auch sicherer entfernt werden, wenn der Selbstreinigungsmechanismus des Ohres etwas Unterstützung benötigt. Fällt die persönliche Entscheidung dennoch unbedingt auf eine Behandlung mit Ohrenkerzen, wird dringend dazu angeraten, sich umfassend beraten und über mögliche Risiken und Nebenwirkungen aufklären zu lassen.