AVWS

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Die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS kennzeichnet eine Gruppe von Höreinschränkungen, bei denen nicht das Hörorgan selbst, sondern die Verarbeitung von akustischen Signalen im Gehirn gestört ist. Der Begriff „Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS“ wurde im Jahr 2000 durch die DGPP (Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und-Pädaudiologie) eingeführt. Die Störung kann durch einen Hörtest schon im Kindesalter diagnostiziert werden.

Sie lässt sich therapieren, auch Hörgeräte können den Patienten helfen. Das legen Studien der DGPP nahe (siehe unten). Für die Diagnose ist ein Hörtest obligatorisch. Es geht dabei auch darum, eine periphere Hörstörung auszuschliessen. Immerhin könnten auch das Mittel-, Aussen- oder Innenohr gestört sein. Da die AVWS eine Störung des Hörzentrums im Gehirn ist, zeigt sie zudem ähnliche Symptome wie Lernbehinderungen, das Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) oder rezeptive Sprachentwicklungsstörungen. Eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS können Fachärzte für Pädaudiologie und Phoniatrie diagnostizieren.

 

Was ist eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS?

Unsere Ohren sind so konstruiert, dass sie Schallwellen optimal aufnehmen können. Die betreffenden auditiven Signale werden anschliessend einerseits vorbewusst im Hirnstamm und andererseits bewusst mithilfe kognitiver Funktionen verarbeitet (ein Geräusch oder einen Ton sachlich zuordnen – das ist ein Werkzeug, das ist ein Strassengeräusch etc.). Wenn eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS vorliegt, funktioniert beides nicht richtig – schon die vorbewusste Verarbeitung nicht, aber auch nicht das kognitive Zuordnen von Geräuschen, das sich immerhin begrenzt erlernen lässt. Hier ergibt sich einer von mehreren Therapieansätzen. Folgende Bereiche der Analyse von Geräuschen können PatientInnen nicht differenzieren und identifizieren, wenn eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS vorliegt:

  • Zeitdauer eines akustischen Signals
  • Veränderungen seiner Frequenz und Intensität
  • binaurale (beidohrige) Interaktion für die Lokalisation des Signals mithilfe von Lateralisation (Aufteilung des Signals auf beide Ohren in der Relation, die eine Lokalisation ermöglicht – Signal kommt eher von links vorn)
  • Störgeräuschbefreiung
  • Summation (Verrechnung der eintreffenden Nervenimpulse)
  • dichotische Verarbeitung (gleichzeitiges Verstehen verschiedener Signale von rechts und links)

Es versteht sich von selbst, dass die meisten dieser Störungen durch einen Hörtest zu ermitteln sind. Diesen führt man schon bei Kindern durch, woraus sich langfristige Therapieansätze ergeben. Wichtig zu wissen: Eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS ist von Fall zu Fall unterschiedlich stark ausgeprägt.

 

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS: Ermittlung der Ausprägung

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung

Wenn wir Schall wahrnehmen, basiert das wie im letzten Abschnitt beschrieben auf verschiedenen auditiven Teilleistungen. Sollte eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS vorliegen, sind diese Teilleistungen in unterschiedlichem Ausmass und in verschiedenen Kombinationen gestört. Damit die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS eindeutig diagnostiziert werden kann, müssen mindestens zwei dieser Teilleistungsbereiche signifikante Normabweichungen aufweisen. Mit Stand Anfang 2020 grenzt man sieben Bereiche ein:

  • 1. Lokalisation der Schallquelle: Im Normalfall lokalisieren hörgesunde Menschen eine Schallquelle, weil beide Ohren das Signal aufnehmen und im Gehirn ein Abgleich zwischen der Zeit- und Pegeldifferenz erfolgt. Der Schall von links erreicht etwas früher und etwas lauter das linke Ohr. Die Differenz ist natürlich minimal, doch ein gesunder Hörsinn nimmt sie wahr. Beim Vorliegen einer AVWS funktioniert das nicht mehr richtig. Betroffene wissen nicht, woher ein Ton oder ein Geräusch kommen.
  • 2. Selektion der Schallsignale (auditive Selektion): Gesunde Menschen können Sprachsignale, Töne, Klänge und relevante Geräusche aus konkurrierenden Geräuschen herausfiltern. Sie können sich nötigenfalls auch in einem Raum, in welchem sich viele Menschen in Gruppen leise unterhalten, auf ein bestimmtes Gespräch konzentrieren (sogenannter „Cocktail-Party-Effekt“). Wenn eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS vorliegt, schaffen die Betroffenen das nicht mehr.
  • 3. Separation auditiver Signale (dichotisches Hören): Diese Fähigkeit des Hörsinns ermöglicht es gesunden Menschen, unterschiedliche Schallsignale zu separieren, die gleichzeitig von verschiedenen Seiten beide Ohren erreichen. Das könnten zwei verschiedene Wörter sein, aber auch ein wichtiges Geräusch im Strassenverkehr, das der Fahrer identifiziert und zuordnet, während eine mitfahrende Person aus einer anderen Richtung mit ihm spricht. Der Corpus callosum (Balken zwischen beiden Gehirnhälften) ermöglicht diese Leistung, die bei einer AVWS gestört ist.
  • 4. Differenzierung von Audiosignalen: Gesunde Menschen können ähnlich klingende Schallereignisse unterscheiden. Sie sind fast gleich laut, die Töne sind fast gleich hoch – aber nur fast. Die kleine Differenz genügt, um unterschiedliche Sinnzusammenhänge zu erkennen. AVWS-Patienten gelingt das nicht mehr. Für das Verständnis von Sprache ist diese Fähigkeit sehr wichtig. Sie wird im logopädischen Kontext als Phonemdifferenzierung bezeichnet. Ein AVWS-Patient kann beispielsweise möglicherweise die gesprochenen Buchstaben d und t nicht unterscheiden.
  • 5. Identifikation von Audiosignalen: Auch das Zuordnen von Klängen oder Geräuschen zu bestimmten Ereignissen wird durch die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS gehemmt. Das betrifft wiederum vor allem die Sprache, doch auch andere Geräusche.
  • 6. Analyse und Synthese von Audiosignalen: In logopädischer Hinsicht bedeutet diese Fähigkeit, aus einem Wort Einzellaute herauszuhören und aus Einzellauten ein Wort zu bilden. Ein AVWS-Patient hört nicht das l in Eule (Analyse) und kann auch nicht aus den Buchstaben r, a, b und e das Wort Rabe bilden (Synthese).
  • 7. Kurzzeitgedächtnis für Audiosignale: Wenn wir Sprache oder andere auditive Signale hören, speichern wir sie sehr kurzfristig ab (eigentlich im Ultrakurzzeitgedächtnis für wenige Sekunden). Das ist wichtig, um die Signale verarbeiten zu können. Wenn eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS vorliegt, klappt das kurzfristige Merken nicht mehr. Die Folgen können auch eine Lese-Rechtschreib-Schwäche und eine USES („Umschriebene Sprachentwicklungsstörungen“) sein.
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Welche Symptome treten durch die AVWS auf?

  • Störung der auditiven Aufmerksamkeit
  • Störung des Sprachverständnisses
  • verlangsamte Verarbeitung von gesprochenen Informationen
  • verzögerte Reaktion auf Schallsignale
  • eingeschränktes auditives Gedächtnis
  • beeinträchtigte Erkennung von Schallreizen
  • mangelnde Schallquellenlokalisation (sogenanntes „Richtungshören“)
  • Schwierigkeiten im Sprachverständnis
  • Probleme mit dem Verständnis von veränderten Sprachsignalen – meistens beim Telefonieren

Eine echte Schwerhörigkeit zeigt ähnliche Symptome, weshalb eine Differentialdiagnostik wichtig ist.

 

Diagnostik der AVWS

Für die Diagnose ist ein Hörtest obligatorisch. Es geht dabei auch darum, eine periphere Hörstörung auszuschliessen. Immerhin könnten auch das Mittel-, Aussen- oder Innenohr gestört sein. Da die AVWS eine Störung des Hörzentrums im Gehirn ist, zeigt sie zudem ähnliche Symptome wie Lernbehinderungen, das Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) oder rezeptive Sprachentwicklungsstörungen. Eine Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS können Fachärzte für Pädaudiologie und Phoniatrie diagnostizieren. Einige HNO-Ärzte sind pädaudiologisch fortgebildet. Die Diagnostik gehört zu den Regelleistungen der Krankenkassen (keine IGeL). Bei Kindern kann wegen der verwandten Symptomatik der anderen beschriebenen Störungen ein Psychiater hinzugezogen werden. Die AVWS wird heute in der Regel im Kindesalter diagnostiziert und dann gezielt behandelt.

 

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS: Behandlungsansätze

Es kommen bei Kindern stets übende Verfahren unter Anleitung einer logopädischen Fachkraft zum Einsatz. Grundsätzlich muss die AVWS-Therapie das Gehör, das Hörzentrum im Gehirn (Signalverarbeitung) und den Umgang mit dennoch unverständlichen akustischen Signalen trainieren. Logopäden führen mit den Patienten teilfunktionsspezifische, sprachgebundene Übungen durch. Sie trainieren folgende Bereiche:

  • Phonemidentifikation
  • Phonemdifferenzierung
  • Phonemanalyse in Wörtern
  • phonologische Bewusstheit
  • Phonemsynthese
  • auditive Low-level-Funktionen
  • Ordnungsschwellentraining
 

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung AVWS und Hörgeräte

Eine Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Autoren: Cornelia Welzel und Sylva Bartel-Friedrich), die im Auftrag der DGPP durchgeführt wurde, konnte belegen, dass eine Hörgeräteversorgung nützlich ist. Die Studie wurde an 6 bis 12 Jahre alten Kindern durchgeführt. Vorgefundene Störungen, die auf die AVWS verwiesen, waren eine mangelnde Lautdiskrimination, Beeinträchtigungen der Hörmerkspanne und des dichotischen Diskriminationsvermögens. Generell wiesen die Kinder ein schlechtes Sprachverständnis auf. Durch Hörgeräte wurden einige der Störungen stark und andere in einem gewissen Umfang behoben. Eine umfassendere Darstellung der Studie aus dem Jahr 2003 ist hier zu finden.